Durch das Hochland von Schottland in einem elektrischen Fahrzeug

Mit meiner Firma, “Starfish Travel” biete ich individuell abgestimmte Tagesreisen durch ganz Schottland an und benutze zu diesem Zweck ein lizensierten 8-Sitzer Mercedes Viano Minibus, der jedes Jahr ungefähr 70.000 Meilen zurück legt. Im Frühjahr hatte ich einen Tesla Model S Probe gefahren und war unglaublich begeistert. Das Model X, welches als 7-Sitzer angeboten wird, kostet £90.000 und würde meinen Bedürfnissen gerecht, allerdings würde ich einen Sitz verlieren.

Dieselfahrzeug Mercedes Viano versus Mercedes eVito


Mir war bekannt, dass Mercedes Benz einen “eVito Tourer 100k Wh L3 PRO” anbietet, also rief ich dort an und fragte nach, ob ich einen testen dürfte. Mercedes war grosszügig genug, mir einen eVito Tourer 100k Wh L3 PRO für sechs Tage zur Verfügung zu stellen.

Ich hatte einen dreitägigen Fotografie Kurs in der Nähe von Forres gebucht und beschloss, den eVito Tourer 100k Wh L3 PRO gründlich zu testen. Der Kurs begann an einem Montag und ich holte den eVito an einem Freitag bei Mercedes in Edinburgh ab. Ich erhielt Anweisungen, wie der Wagen aufzuladen sei und zu meiner Überraschung lässt sich der Wagen nicht Zuhause laden (einen Tesla kann man schlichtweg in die Steckdose stecken, wenngleich das sicher nicht die beste, schnellste Methode ist).

Der eVito war voll geladen, was hiess 230 Meilen Reichweite. Die Distanz von Mercedes zu meinem Haus ist laut Google Maps 46 Meilen. Der eVito hatte fast 100 Meilen verloren, als ich vor meinem Haus parkte.

Das bedeutete, dass ich ihn vor meiner Reise nach Forres noch irgendwo aufladen musste. Ich ging Arbeiten und nahm den eVito abends mit nach St. Andrews, um ihn in 45 Minuten aufzuladen. Ich probierte drei verschieden Stationen und konnte den eVito nicht dazu bringen, sich laden zu lassen.


Ich rief die Unterstützung von “ChargePlace” an und mit deren freundlicher Hilfe sah es so aus, als würde der eVito sich aufladen lassen. Ich ging also in die Stadt, ass etwas und kam 11/2 Stunden später zurück, nur um herauszufinden, dass der eVito keine einzelne Meile geladen hatte.
Ich hatte einen frühen Arbeitsbeginn am nächsten Morgen, also fuhr ich den eVito ungetaner Dinge nach Hause.

Ich brauchte bis Sonntag Abend, um Zeit zu finden, den eVito wieder nach St. Andrews zu fahren, um ihn -hoffentlich- ausreichend aufzuladen, so dass er mich nach Forres bringen würde. Als ich in St. Andrews ankam, war ich bereits 48 Meilen gefahren, nur um das Auto laden zu dürfen. An der Ladestation angelangt, weigerte sich der eVito den Schnell-Lader zu akzeptieren. In dem Moment fuhren zwei Leute in einem Tesla vor, schlossen ihr Gefährt an die Ladestation an und kamen zu mir, um mir zu helfen. Wir beschlossen, eine langsamere Ladenstation zu probieren und “Oh Wunder!” es funktionierte.

An der langsameren Station hätte das Laden die ganze Nachte gedauert, also probierte ich mit der Hilfe meiner neugewonnen Tesla-Freunde den Schnell-Lader erneut und, -warum auch immer-, diesmal war der Ladevorgang erfolgreich. Nebenbei sei angemerkt, dass die Gebrauchsanweisung kein Kapitel über das Laden vorweist, wenngleich man es im alphabetischen Anhang finden kann.
Der Tesla war zu dem Zeitpunkt bereits 80% geladen und seine Besitzer fuhren davon. Ich ging mal wieder spazieren und bestellte mir Fish & Chips. Als ich 11/2 Stunden später glücklicherweise mit meinem Freund wieder bei dem eVito anlangte, hatte der ganze 27%/115 Meilen geladen.
Bei dem Zeitpunkt fühlte ich mich an die in den 90ziger Jahren beliebten Cyberpets erinnert, die ebenfalls ständig Aufmerksamkeit brauchten und gefüttert werden mussten.
Ich liess das elektrische Autowunder an der Ladestation und bat meinen Freund, mich mit nach Hause zu nehmen. Dort packte ich meinen Diesel Viano, um mich und mein Gepäck am nächsten Morgen zu dem eVito zu bringen. 48 unnötige Meilen mit dem Elektroauto plus 16 Meilen mit dem altbewahrten Dieselfahrzeug, um 143 Meilen mit dem eVito zurücklegen zu dürfen…
An der Ladestation angelangt, stellte ich überglücklich fest, dass 98% Ladung vollbracht war und die Reichweite 265 Meilen betrug, die sich beim Umdrehen des “Zündschlüssels” auf 238 Meilen reduzierten. Als der eVito bekannt gab, dass er 100 Meilen aufgebraucht hatte, war die reale Distanz 66. Ich begann mir Gedanken zu machen, ob das 143 Meilen entferntes Forres erreichbar war.
Der eVito, wenn man denn endlich mal dazu kommt, fährt sich ähnlich wie ein normaler Vito, lediglich leiser und schneller, wobei der eVito ein seltsames Summen von sich gibt, das einen wage an das Geräusch eines Bohrers beim Zahnarzt erinnert (der Tesla tat das nicht).

Wie schnell Meilen verloren gehen
Selbst ein elektrisches Fahrzeug ist nicht so schnell…

Als ich in Forres ankam, hatte der eVito noch eine Reichweite von 60 Meilen. Ich hatte etwas Zeit und beschloss, den eVito an die nächste Ladestation zu hängen, während ich mein Morgen-Programm absolvierte, so zumindest mein Gedankengang. Die erste Ladestation war besetzt, die zweite funktionierte nicht und die dritte gab es nicht, oder vielleicht konnte ich sie nur nicht finden.

Leicht frustriert fuhr ich den eVito zu unserem Treffpunkt und fragte eine Teilnehmerin in der Mittagspause hinter mir herzufahren, so dass ich das Gefährt in die Ladestation stöpseln könnte. Es war dieselben Station, die morgens besetzt war. Nun war sie frei, allerdings hatte sie kein Kabel. Glücklicherweise hatte der nette Mercedes Mitarbeiter mir eines in den Kofferraum gelegt. Ich fragte mich allerdings, ob es möglich wäre das Kabel während des Ladens zu entfernen. Der eVito lud, ich zog am Kabel und hatte es in der Hand. Die Leute in Forres sind zum Glück redliche Leute und keiner klaute das Kabel.

Als ich 3 Stunden 50 Minuten später zu dem eVito zurück spazierte, hatte dieser enttäuschende 28% geladen. Das reichte, um für meinen Kurs umher zu fahren, aber bei weitem nicht, um zurück nach St Andrews zu gelangen und Edinburgh erwähnen wir besser erst gar nicht.

Ich beschloss am letzten Abend, den eVito an einem meiner Unterkunft nahegelegenen `Teestube zu lassen, die ebenfalls eine Ladestation hatte. Als ich dort ankam, stellte sich heraus, dass diese ausser Betrieb war. Ich fuhr also zurück nach Forres, stöpselte mein Gefährt dort ein und wanderte 2.2. Meilen im Dunkeln entlang der Hauptstrasse zu meiner Unterkunft.

Ladestation an der Teestube war leider defekt

Am darauffolgenden Morgen stand ich entsprechend früher auf, um die 2.2. Meilen -diesmal durch einen Wald- zurück zum eVito zu spazieren, dann zurück zur Unterkunft zu fahren, um mein Gepäck zu laden.

Auf dem Rückweg ins schöne Fife beschloss ich durch die Cairngorms zu fahren, da ich noch Tageslicht hatte und mir relativ sicher war, dass ich nicht irgendwo ohne Strom stehen bleiben würde.

eVito in den Cairngorms

Bei 20% Gefälle fühlte man sehr deutlich, wie schwer der Wagen war. Obwohl er mit sehr guten Bremsen ausgestattet ist, hatte ich doch ein mulmiges Gefühl im Bauch.

Ich erreichte St. Andrews, schloss das Gefährt erneut an die Ladestation, da es die Distanz bis Edinburgh anders nicht bewältigt hätte, lud mein Gepäck in meinen Diesel-Viano, um die 16 Meilen zu meinem Zuhause zurück zu legen, um dann am nächsten Morgen mit dem Viano zum nächsten Bahnhof zu fahren, eine Taxi zum eVito zu nehmen, den eVito nach Edinburgh zu fahren und mit dem Zug zu meinem Viano zu gelangen.

Fazit:
Umständlich, unpraktisch und für mein Geschäft schlichtweg unmöglich ist meine Bewertung für den eVito. Wenn ich mit Kunden unterwegs bin, werden natürlich Pausen eingelegt, um menschliche Bedürfnisse zu erledigen, ein schönes Foto zu machen etc. p.p. und es wäre durchaus möglich 45 Minuten dafür einzuplanen, wenn das Aufladen des Fahrzeugs denn tatsächlich nur 45 Minuten dauern würde. Da der eVito an einem Schnell-Lader aber nach fast vier Stunden nur ungefähr 120 Meilen Reichweite hat, ist eine geschäftlich Nutzung des Fahrzeugs ausgeschlossen. Ich habe in den letzten Monaten die meisten Tage täglich um die 400 Meilen in meinem Viano zurückgelegt. Zum Vergleich: mein Viano hätte die gesamte Tour mit einer Tankfüllung erledigt.

Für die private Nutzung eines eVitos würde ich wohl mein Fahrrad permanent mitnehmen und ein Ladegerät fuer Zuhause installieren. Soweit mir bekannt ist, bietet Mercedes diese derzeit gratis an, wenn man denn einen eVito erwirbt.

Ich habe Freunde, die Anfang des Jahres einen Tesla Model S gekauft hatten und befragte sie, wie sie das Aufladen des Tesla bewerkstelligten. Bei Tesla wird der Ladevorgang beim Routenplanner integriert. Der Wagen schlägt Ladestellen vor, die funktionieren und nicht besetzt sind, 80% Ladung ist empfohlen und findet in maximal 20 Minuten statt. Wird der Tesla nachts zuhause geladen, kostet es 1 Pence per Meile.

Ich gebe ungefähr 25% meines Umsatzes an Diesel aus, Wartung, Reparaturen und Steuern sind erheblich höher bei meinem Dieselfahrzeug und ich würde liebend gerne auf ein elektrisches Fahrzeug wechseln, allerdings wird das dann kein Mercedes, sondern ein Tesla sein,
Der gute, alte Viano muss wohl noch ein paar Jahre treue Dienste leisten, bis ich genug gespart habe, um einen Tesla zu erwerben. YouTube Fahrbericht (auf Englisch).

Zu den Kosten das Ladens des eVitos kann ich leider einen Monat nach dem Ausleihen keine Angaben machen, da das Laden über dei App nur einmal für 11 Minuten glückte. Dafür wurden £1.94 berechnet. Ich gebrauchte lediglich meine Bankkarte für restlichen Ladevorgänge. Seither hatte ich noch keine Abbuchungen von meinem Konto…

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